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Benin um 1700 / Benin Bibliographie / Benin. Künste und Traditionen.

CHIEF (Dr. h.c.) JACOB UWADIAE EGHAREVBA

------Jacob Uwadiae Egharevba (um 1920) // (c) ?  ---Jacob Uwadiae Egharevba (um 1960/1965) // (c) ?
CHIEF (Dr. h.c.) J. U. EGHAREVBA - ZUR PERSON
EGHAREVBA - ZUR GESCHICHTE BENIN´S BERUFEN
GEGEN DAS VERGESSEN : IDENTITÄT UND WERK
BEDEUTUNG UND AUSLEGUNG - INTERPRETATIONEN
JACOB EGHAREVBA - MEMORIAL LECTURES (1997-2002)

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CHIEF (Dr. h.c.) JACOB UWADIAE EGHAREVBA (1893-1980)
Jacob Uwadiae Egharevba hat mit seinen Schriften, in etlichen Zeitungsartikeln, durch Briefe unbekannten Umfangs und vermittels persönlicher Mitteilungen als " Informant seiner zahllosen fragenden Zuhörer ", als Kurator des Museums in der post- / kolonialen Metropole BENIN-City und Berater sowohl des Hofes als auch des britischen Gouvernements einen beispiellosen Beitrag zur " Erinnerungskultur " des früheren westafrikanischen Königreichs BENIN geleistet. Ihm wurden dafür von verschiedener Seite schon zu Lebzeiten etliche Ehrungen angetragen, zahlreiche Lob- und Dank-Schreiben us-amerikanischer und europäischer Wissenschaftler sowie posthum die Einrichtung einer regelmäßigen Memorial Lecture gewidmet.

In seinen Schriften beschäftigte sich (Chief) Egharevba mit einer Vielzahl von Aspekten zur EDO-Kultur in BENIN. Das gesellschaftliche Leben in seinen grundlegenden Formen, beispielhaft an Spiel und Sport vorgeführt, stellte er ebenso vor wie die politische Ordnung in deren Entwicklung. Besonders umfangreich werden seinen Lesern die regionalen Würden- und Titelträger in ihrer Bedeutung, das höfische Zeremoniell und deren Praktiken, der OBA als sakraler und politischer Führer, der weite Pantheon von Göttern und Helden, Gewohnheiten und Rechte wie die Ahnenverehrung und Spiritualität vorgestellt. Vor allem aber war es sein Anliegen, die bis in das ausgehende 19. Jahrhundert hinein durch die Künste aus Metallen, Holz und Elfenbein und durch mündliche Wieder-/Neu-Erzählung tradierten Geschichten - Mythen und Legenden, Identitäten und Idealisierungen, Werte und Regeln, Glaubens- und Ordnungsformen ... - und Geschichte für die Zukunft im seinerzeit gerade erst neu eingeführten Schrift-Medium der Kolonialmacht England zu sichern und zu erhalten. Egharevba verstand, dass die Ereignisse des Jahres 1897, als das bis dahin autonome und im Großraum West-Afrika zeitweise sehr bedeutende BENIN dem Waffenfeuer britischen Militärs erlag, einen enormen Einschnitt für die Fortdauer der zu diesem Zeitpunkt entwickelten - oder seitens der Mächtigen gewünschten - Identitäten und " Images " darstellen werde.

Über viele Generationen von Menschen und ihre Beiträge zum Verlauf dessen, was der heutigen Gegenwart als " Geschichte " vorzeitig vorausging, wissen wir so gut wie nichts. Je weiter wir gedanklich und forschend zurückschreiten, um so grobmaschiger wird das als halbwegs gut gesichert verstandene Konstrukt " Vergangenheit ". Immer weitere Mosaikstücke des weiten Flickenteppichs sozialer, kultureller, künstlerischer, wirtschaftlicher, technischer und politischer Entwicklungen gewinnen zwar an Kontur und lassen so ein Gesamtbild aufscheinen, das bisweilen weit anders aussieht, als es noch vor zehn, fünfzig oder hundert Jahren schien. Dennoch verbleibt bislang - und wohl auch künftig - vieles im Dunkel oder wird nicht als das erkannt, " was und wie es gewesen ist ". - Dies gilt nicht nur für Europa ... , auch die Geschichte Schwarz-Afrika´s birgt fast täglich neue spannende Fragen, stellt wieder und wieder große Herausforderungen an Wissenschaftler der verschiedenen Disziplinen von Anthropologie, Ethnologie, Archäologie, Metallurgie, Linguistik, Geschichtswissenschaften, Philosophie u. a. und lädt ein, durch die vorhandenen Quellen an früheren Ideen und Gedanken teilzuhaben. Dabei sind, bedingt durch die Unterschiede historischer Entwicklungen an verschiedenen Orten unserer gemeinsamen Welt, in ungleicher Weise " der Gegenstand, das Thema und die Fragen einer Untersuchung " zu benennen. Meine Fragen und Perspektiven hierzu ergeben sich somit aus den folgend zu analysierenden Texten und wenden sich an diese, sie suchen zentral nach deren Inhalten als " Historische Quellen ", ihrem Anspruch auf Geltung, dem vielfältigen impliziten Feedback, ihren Variationen und der Bedeutung ihrer Auswirkung für eine geschichtswissenschaftliche Bearbeitung.

Einführend stellte Egharevba seiner ASHOB voran : "The necessity for the production of this little work may be seen from the fact that though every country has its own history, yet of that of our own native land, BENIN, we know but little. (…) There has been no written history of BENIN except the few notes written by adventurous European traders and missionaries who visited BENIN City from 1472 to the punitive expedition in 1897. One can imagine how great and tedious the task has been of reducing to comprehensive facts the stories which were told by superstitious native historians in peculiar ways and blended with myths, miracles and fables. " (ASHOB Preface, datiert 1934, verlegt 1936) Allererste Fragen sind für mich daher : wer war dieser Jacob Uwadiae Egharevba, was trieb ihn derart an, wie kann man ihn zu verstehen suchen, was trug er - also - wie und warum zur " Erinnerung BENIN´s " bei?

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EGHAREVBA - ZUR GESCHICHTE BENIN´S BERUFEN

Gelänge es, sich zunächst nur für einen kurzen Moment lang in einen im ausgehenden 19. Jahrhundert gerade einmal etwa vierjährigen, kleinen schwarzafrikanischen Jungen zu versetzen, wichtige Momente seines Lebens als Jugendlicher und junger Mann nachzuvollziehen, schließlich dessen Erleben als weithin hoch geschätzter Greis zu begreifen, wäre zum Verständnis des folgend Ausgeführten viel gewonnen. Doch die Perspektiven der Empathie, welche ich als Wohlwollen in kritischem Geist übersetzen will, haben ihren natürlichen Grenzen; der Wunsch nach vollständigem Verstehen bleibt letztlich unerfüllbar. Aber weil jeder Mensch, welcher " mit seinem Werk einen Beitrag zur Geschichte " liefert, sich auch stets persönlich darin ausdrückt, soll zunächst eine knapper Umriss der für das Wirken wichtiger Lebensstationen Egharevba´s auf Grundlage seiner Autobiographie kritisch zusammengestellt werden. Dieser kann einige Hinweise als Kontext zum " Lebensentwurf " des Verfassers geben. Denn Egharevba war auch Sohn seiner Eltern, Freund vieler Mitmenschen, Schüler seiner Lehrer und wiederum Lehrer seiner Schüler - und m. E. erst darüber hinaus Historiograph am BENIN-Hof. Eine solche Skizze blendet die anschließend zu diskutierenden Fragen nach dem Einfluss tagespolitischer Ereignisse auf die Ausrichtung seiner Schriften keinesfalls aus, weist aber auf eine notwendig multiperspektivische Untersuchung hin.

Der spätere Chief Dr. (h. c.) Egharevba war erst wenige Jahre alt, als 1897 das kulturelle und politische Leben der EDO im BENIN radikal verändert wurden. In einem Alter, in dem er seitens seiner Eltern und durch die für sein späteres Leben äußerst wichtigen Großmutter mit den grundlegenden Formen des sozialen Zusammenlebens, mit traditionellen Gewohnheiten und durch den höchst persönlichen Umgang zwischen den Menschen verschiedener gesellschaftlicher Zugehörigkeit mit dem, was für einen etwa Vierjährigen unter den Bedingungen seiner Zeit in seinem Raum als Erlebnishorizont und sicher geglaubtes Fundament von Familie, Freunden, geachteten Menschen usw. vertraut gemacht wurde, brachen diese weg. Man kann kaum ermessen, wie dieser kleine Junge dies überhaupt verarbeitete, welche persönlichen, anfangs natürlich noch sehr naiven Konsequenzen dies für ihn hatte. Bekannt ist aber, dass er sich Jahrzehnte später noch wieder und wieder damit auseinander setzte, schließlich einer der meistzitierten Lokal-Historiographen Süd-Nigeria´s wurde und Berühmtheit weit über die Grenzen seines Landes erlangte. Als zweites von drei Kindern seiner Mutter Ukuzuwa und seines Vaters, der mit einer anderen Frau noch ein weiteres Kind hatte, wurde Jacob Uwadiae (um) 1893 in IDANRE geboren. Ihm wurde als einer der ersten Schüler nach 1900 an den gerade erst begründeten Schulen der Church Missionary Society (C. M. S.) in IBADAN, AKURE und BENIN City einige Jahre lang religiöse und allgemeine Bildung zuteil. Egharevba berichtet selbst rückblickend in seiner Autobiographie, dass er sich gegen den Widerstand seines - andererseits als weisen Krieger glorifizierten - Vaters gern habe bilden wollen. Doch habe man vielerorts im West-Afrika jener Jahre nicht viel von schulischer Bildung gehalten, zumal die erwartete Arbeitskraft des jungen Nachkömmlings damit zeitweise anderweitig gebunden wäre. Seine Großmutter, bestärkt durch einen legendären Orakelspruch, habe ihn in seinem Bestreben jedoch sehr unterstützt und ihm in den Jahren 1908 bis 1911 schulische Bildung ermöglicht. Sie sei es auch gewesen, die ihm seine " Motivation " stets angemahnt hatte, fleißig und beständig zu lernen, ehrlich und statthaft zu leben. Dies habe er sich tief im Innersten von frühester Jugend an zum " Anspruch seines Handels " gesetzt. Nach dem Tod seines Vaters soll dessen Onkel zum Vormund des gerade neun Jahre jungen Jacob, der ihn in OZANOGOGORO und OZANISI im Kanu-Transport und Handel mit Palmöl einsetzte, berufen worden sein. In anekdotenhaften Erinnerungen an die aufregenden Erlebnisse eines Schwimmwettkampfes, von Raufereien und Schlangenbissen berichtete Egharevba später über die folgenden Jahren seiner Jugend. Schließlich erinnert er sich an das erste Schicksalsjahr seines noch jungen Lebens. Im Jahr 1908 habe ihm ein Seher namens AIZEHIN vorhergesagt, dass er eines Tages ein großer Mann sein könne, dessen Name auf der ganzen Welt bekannt werde - und selbst das IFA-Orakel in IBADAN habe sich in dieser Weise geäußert.

Offensichtlich von großem Wissensdurst geleitet genoss Egharevba dann weitere Jahre der religiösen und allgemeine Bildung zwischen 1912 und 1915, von deren konkreten Inhalten aber keine Einzelheiten überliefert sind. Sie lassen sich aber in so manchem Bibel-Zitat, z. B. in AZOT 37.40 und ABA 56.56, und in den Verweisen auf Vorlagen von Augustinus bis Voltaire, beispielsweise in AZOT 6.20 und STG 1.6, durch seine Schriften ansatzweise rekonstruieren. Neben dieser (nach europäischem Kanon) " klassischen Bildung " wird an anderer Stelle auch seine Kenntnis um die historische Entwicklung der englischen Parteien dargeboten, vgl. TOOB 16.25.

Es sind aber vor allem die " moralischen Lebensregeln ", die ihn überzeugt zu haben scheinen. Daher führte er in verschiedenen Passagen seiner Arbeiten christliche Lehrsätze ein, paraphrasierte etwa die " 10 Gebote der Bergpredigt als synonym zu den gewohnten EDO-Normen ", vgl. ABA 47.49, und verstand das Christentum für BENIN als insofern "ever ancient and ever new" (BT 2.4). In den folgenden Jahren verdingte er sich in verschiedenen Anstellungen als Händler und entwickelte auch sein eigenes " religiöses Bekenntnis " zum Christentum weiter, das er mit seiner bewussten Taufe bereits im März 1915 unterstrichen hatte und der gemäß er sich auch wiederholt für Belange der Kirche einsetzte, mehr als 20 Jahre seines Lebens als Sonntagslehrer tätig war. Trotz seiner eigenen Auffassung verweigerte Egharevba sich anderer Sichtweisen, wie jener des Islam oder der traditioneller EDO-Spiritualität, wie von seinen Vorfahren gelebt, aber nicht. Selbst sein eigener Vater blieb dieser verhaftet. Seine Mutter hatte sich zwar in jüngeren Jahren in Verehrung an die Gottheit OLOKUN gewandt, konvertierte später aber auch zum Christentum. Die im Vergleich zu seinem Vater positivere Wertung seiner Mutter dürfte wohl auch in diesem Umstand begründet sein. Im Jahr 1921, so Egharevba, habe er dann den designierten Thronfolger (EDAIKEN), das nach traditioneller Ordnung spätere, dynastisch legitimierte und derart vorkolonial als sakraler Herrscher und Identitätsstifter verstandene politische Oberhaupt der EDO, OBA Akenzua II., kennengelernt und sei schon bald in dessen Dienste gekommen. So versorgte er den Harem des designierten Herrschers, als dieser Mitte der 1920er Jahre in ABEOKUTA studierte. Vor allem dessen Vater, OBA Eweka II., habe sich über die Arbeit und den herausragenden Charakter Egharevba´s stets in höchsten Tönen lobend geäußert, erinnert er sich später. Durch seine Tätigkeit am Hof der OBA lernte Egharevba viele regional wichtige Persönlichkeiten seiner Zeit kennen und hatte selbst Gelegenheit, Akenzua II. zu einer Konferenz der aus vorkolonialer Zeit überkommenen Anführer Westafrika´s von März bis April 1937 nach OYO zu begleiten. Dort hatten sich verschiedene Herrscher der BENIN benachbarten Reiche eingefunden, um über Fragen der Gesellschaft, politischen Ordnung und Entwicklung in der Gegenwart britischer Gewalt im südlichen Nigeria zu verhandeln. Seine wichtigste Aufgabe, zugleich als " Beruf wie Berufung " empfunden, sah Egharevba selbst in der des " Schriftstellers und Händlers ". Seit den 1930er Jahren hatte er begonnen, seine Texte in EDO und später in englischer Übersetzung vorzulegen und zumeist auch selbst zu drucken. Nach Egharevba´s eigener Darstellung erwuchs diese Obliegenheit vor allem aus dem bereits einsetzenden Verlust um die Kenntnisse der eigenen Traditionen, der üblichen Gewohnheitsregeln, Lebensweisen und historischen Entwicklungen. Diese hatten oft tagespolitische Bedeutung, sodass es wiederholt zu Konflikten und Streitigkeiten um Ränge, Ämter und Macht kam. Und sie wurden im kolonialen Süd-Nigeria durch die Schrift entschieden (vgl. zu Goody in 1.4.1), in der es vor ihm keinen Beitrag aus der Perspektive eines EDO gegeben hatte.

Egharevba empfand seine Leistung daher als schreibender und verlegender " Beobachter seiner Zeit, gleichsam Erinnernder an die Vergangenheit und Mahner für die Zukunft ", durchaus angemessen gewürdigt. In seiner Freude über die ihm entgegengebrachte Anerkennung schien es ihm, als ob "I was crowned with Laurels and intoxicated with the most scented victory of perfume as a conqueror" (ABA 28.30). Derart verdiente Lorbeeren brachten gleichsam viele Verpflichtungen mit sich, da man ihm von Seiten außer-afrikanischer Gelehrter verschiedentlich konkrete Fragen etwa zur ikonographischen Ausdeutung einzelner Kunstwerke vorlegte oder bspw. um Rat in der Klärung um Ursprung, Entwicklung und Bedeutung von ehemals tributpflichtigen Nachbarn bat. Seine Antworten wurden zunehmend für konkrete Aufsätze in europäischen Zeitschriften, für die schulische Ausbildung in Südnigeria wie auch für die Rechtsprechung des Law Court im kolonialen BENIN herangezogen. Selbst für die Durchsetzung von Gebietsansprüchen im Konflikt streitender Bezirke, die Einrichtung eines Friedhofes nach dem Vorbild der gewohnten Sitten oder in Streitigkeiten der benachbarten ITSEKIRI und URHOBO zog man ihn als " lokale Autorität des Wissens um die traditionelle Ordnung " heran. Regionale Würdenträger aber auch der britische Verwalter der Western Region in Nigeria lösten Probleme, suchten und fanden Antworten auf Grundlage seiner Schriften. Dabei zog er seine Kraft nach eigenem Verständnis allein aus der " spirituellen Begründung " seines Handelns. Dessen Erfolge, von der Ernennung zum Kurator des BENIN-Museums 1946 bis zur Auszeichnung - als Member of the British Empire - durch die englische Königin im Jahr 1962, verstand er als Bestätigung seiner richtigen spirituellen Ausrichtung, die überdies jegliche Widersacher zu überwinden helfe. Seit den späten 1950er Jahre befand sich Egharevba, bedingt durch verschiedene Krankheiten, immer wieder in ärztlicher Behandlung und erblindete schließlich. In diversen Passagen seiner Werke scheint m. E. daher auch ein Verfasser hervor, der sich " seines baldigen Lebensendes sicher " scheint, auch wenn ihm schließlich noch etliche weitere Jahre beschieden waren. Das insofern geradezu obsessive Verfassen seines enormen Œuvres, wieder und wieder für die gleichen oder ähnliche Themen eintretend, mag auch in seiner selbst auferlegten Verpflichtung zu sehen sein, noch vor dem als baldig eintretend erwarteten Tod so viel als denn möglich für die Zukunft seiner in stetigem Identitätsverlust befindlichen " Heimat-Kultur " aufzuzeichnen. Bezeichnenderweise würdigte ihn die Universität von Ibadan im November 1967 mit dem Doktor h. c. für Sprach- bzw. Literaturwissenschaft und brachte damit ihr Anerkenntnis zum Ausdruck, dass sich Egharevba seit den 1930er Jahren zunehmend um die Verbesserung seiner eigenen Schriften und die Verbreitung deren vielfältigen Themen bemüht hatte. Bis in die 1970er Jahre folgten dann nur noch wenige weitere Schriften, während ältere Titel vielfach neu herausgegeben wurden. Welchen Einfluss Egharevba´s Kinder, besonders sein Sohn Davidson und die Tochter Clara, auf deren Inhalt nahmen, bleibt unklar. Bekannt ist allerdings, dass sie zum Teil für deren englische Übersetzung verantwortlich zeichneten. Eine kritische Auseinandersetzung um seine Werke begann vor Egharevba´s Tod zunächst vor allem als eine " Nachfolge in den Fußstapfen des großen Vorbildes " und erwuchs erst darnach zu einer kritischen, auch widersprechenden Ausdeutung.

Mit Samuel Ojo, Osaren Salomon Bonifacie Omoregie, Osemwegie Ebohon, Ekhaguosa Aisien und vielen weiteren zu historischen Themen schreibenden EDO setzte sich in den nächsten Generationen, zuweilen in großer Nähe zu Egharevba wie auch ohne direkten Verweis auf diesen, eine Beschäftigung mit dem historischen BENIN fort. Diese hatte etwa bei Omoregie schon in den 1960er Jahren als " Schüler " Egharevba´s begonnen, während bspw. Aisien als ehemaliger Arzt ein Beispiel für die Fortführung durch einen interessierten Ruheständler in den 1990er Jahren gibt. Bereits neben Egharevba lagen zudem die Beiträge von Joseph Sidahome, Samuel Igbinoghenem Eguavon, Uwadiae Abaiah Idahosa und wiederum einiger anderer vor, die Geschichten aus und über BENIN tradierten. Sie haben einen geringeren Einfluss auf die Wissenschaftsliteratur erlangt, was sich allerdings nicht notwendig aus etwaiger geringerer Qualität ergibt. So dürfen sie auch als Teil des reichen, vielfältigen Kanons der EDO-Traditionen bzw. Traditionalen Historiographie gelten. Allerdings war und bleibt Egharevba zeitlich, als " besonders intimer Kenner " des Hofes und im allgemeinen Respekt vieler EDO " Erster " unter etlichen weiteren Verfassern, welche sich zur eigenen Vergangenheit vorwissenschaftlich äußerten. " Gegenwärtig " bleiben seine Schriften vor allem in West-Afrika, aber auch weltweit über seinen Tod hinaus und finden sich als vielfach wiederkehrender Verweis über die ganze Breite der Literatur. Letzte Nachdrucke liegen für die dritte und vierte Auflage seiner zentralen Arbeit, ASHOB, noch aus den 1990er Jahren vor, photomechanische Reprints ausgewählter Titel - doch bedauerlicherweise ohne Kommentierung - erschienen auch durch einen westlichen Verlag. Das Gesamtwerk - etwa als Egharevba-Archiv - ist allerdings noch nicht umfassend untersucht oder ediert.
Seinem Anliegen ist - unter den beinahe vollständig für den Historiker bedeutsamen Schriften - vor allem und zentral die in vier Auflagen vorgelegte A Short History of BENIN (folgend ASHOB) gewidmet, deren ernstlich multi-perspektivische Untersuchung bislang aussteht.

Der großen Herausforderung dieser respekt- wie kritikwürdigen Historiographie-Schrift, ihrerseits verstanden als historische Quelle zur Geschichte BENIN´s, stellt sich die vorliegende Arbeit (
KuT). Bislang wurden nur recht kleine Schritte zu deren text- und wirkimmanenten Bedeutungsanalyse gemacht und auch diese Betrachtung kann und soll nur ein systematisierter Beitrag als Teilantwort zum bisherigen Forschungsdesiderat sein, auf den viele weitere folgen mögen. Die vorliegende Bearbeitung setzt dabei meine früheren, diskursanalytisch angelegten Überlegungen zur Kunst BENIN´s fort und ist wiederum einer eröffnenden Klärung von Perspektiven und Grenzen gewidmet. In diesem Fall allerdings geht es nicht um die durch die verschiedenen Disziplinen der Wissenschaft beigebrachten Erträge, wie in der früheren Frage zur Sicht der Kunstwerke. Perspektiven und Grenzen der Interpretation meinen bei der Betrachtung der ASHOB vielmehr (a) deren konkreten Wandel durch die vier Auflagen, (b) Hintergründe und Zusammenhänge (Reflexion und Feedback) zu europäischen Schriften des 15. bis 19. Jahrhunderts sowie (c) desgleichen zu den vier wichtigsten Egharevba bekannten Schriften, die ihm wohl im frühen 20. Jahrhundert vorlagen und (d) die Bedeutung der sozialen, religiösen und politischen Orientierung des Menschen Egharevba.

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GEGEN DAS VERGESSEN : BEWAHRUNG DER IDENTITÄT

Neben verstreuten Zeitungsbeiträgen, kaum zugänglichen weiteren Kurzschriften, sowie möglichen unveröffentlichten und ergo nicht ausgewerteten Manuskripten sind aus den Beständen deutscher (und englischer) Bibliotheken insgesamt gut dreißig Titel zuverlässig bibliographierbar (vgl. dazu schon die Hinweise von USUANLELE; FALOLA 1994 : 307-314 und 1998).

Mit einer Übersicht seiner wichtigsten Schriften und ausgewählten Verweisen auf gleichzeitige oder spätere Darstellungen anderer Verfasser soll zunächst knapp skizziert werden, wie Egharevba " gegen das Vergessen " die Traditionale Historiographie BENIN´s organisierte (vgl.
Bibliographie : Einträge).

EINFÜHRENDE GROB-SKIZZE SEINES GESAMTWERKS

Unter dem Titel EKHERE VB´EBE ITAN EDO fasste er als eine zunächst 1933 und in zweiter Auflage 1934 veröffentlichte Vorlage und gewissermaßen ursprüngliche EDO-Version seiner ASHOB ab. Das Skript dieser Schrift soll um 1921 begonnen und etwa 1930 fertiggestellt worden sein, wie Egharevba in seinem Vorwort selbst angibt, wurde durch Oba Akenzua II. höchst-offiziell revidiert. Für die Erst-Auflage der ASHOB ist zudem eine bereits 1935 unter dem Titel OKHA EDO gedruckte, jedoch nicht sehr verbreitete Abhandlung maßgeblich (mit 87 zumeist sehr kurzen Abschnitten und 16 Abbildungen bereichert).

Die bekanntere ASHOB - in erster Auflage - stellt somit eine hierfür schon in wesentlichen Teilen " erweiterte Übersetzung " beider Originale in englischer Sprache dar, sie wurde sodann für die zweite (1953), dritte (1960) und vierte Auflage (1968) wiederum erheblich variiert und erweitert. Der Verfasser gliedert darin die Geschichte grob in drei Epochen, d. i. die der legendären OGISO (Himmelskönige), die Entwicklung BENIN´s unter der Führung der patrilinearen OBA-Herrschaft und die Zeit nach dem Untergang des autonomen Reiches. In dem Aufsatz "Art and craft work in the City of Benin" lieferte Egharevba 1939 dann eine erste, noch recht knappe Übersicht zur Entwicklung der Handwerkskünste im vorkolonialen BENIN und der Technik des Bronzegusses, legte diese in 13 Arbeitsschritten und mit einer Abbildung bereichert dar. Als "Concise Lives of the Famous Iyases of Benin" führte er 1946 eine Interpretation der herausragenden Funktionen der IYASE im BENIN in der Geschichte, dargestellt an 17 beispielhaften Würdenträgern vom ausgehenden 15. bis in das späte 19. Jahrhundert vor, hob deren erinnerte, besondere Attribute vor, vermerkte wichtige Leistungen und deren jeweiligen moralischen Vorbildcharakter. Ebenfalls 1946 legte er "Benin Law and Custom" vor, eine ausführliche Darstellung der traditionellen Lebensweise mit vielfältigen Hinweisen zu Rechten und Pflichten, sozialen und politischen Regeln, hygienischen wie moralischen Maßstäben, einigen Bemerkungen zu Handel und Krieg. In 81 kurzen Kapiteln kodifizierte er darin das traditionelle, verstanden als das " gute und richtige " Leben. Das Manuskript dieser Schrift war nach Egharevba´s eigenen Angaben bereits 1934 fertiggestellt, hat ebenfalls OBA Akenzua II. vorgelegen und soll teilweise Eingang in Texte anderer Verfasser (Ajisafe; Bascom 1945) gefunden haben.

Eine wesentlich erweiterte Darstellung um den Tod der schönen Imaguero und die kriegerischen Ereignisse in der Herrschaft von OBA Esigie, Egharevba zufolge mit fiktiver wörtlicher Rede zum Nutzen vor allem jüngerer Leser verfasst, stellte er 1948 dann unter dem Titel "Murder of Imaguero and the Tragedy of the Idah War" vor. Im gleichen Jahr erschien erstmals ein wiederum in EDO verfasster Moral-Kodex, verquickt mit Erzählungen und historischen Verweisen, unter dem Titel URO D´AGBON VB´OBO. Es folgten 1949 die Schrift "Benin Games and Sports" in Erinnerung an die Bedeutung des Messens der Kräfte, der Geschicklichkeit und des Verstandes in Sport und Spiel nach traditioneller Weise, sodann 1950 eine ausführliche Zusammenstellung verschiedener Aspekte des religiösen Glaubens, des Pantheon von Gottheiten und Helden, wichtiger Schreine usw. bei den EDO und deren Nachbarn (bisweilen auch Sozialgemeinschaften im nördlichen Nigeria) als "Some Tribal Gods of Southern Nigeria" sowie im gleichen Jahr eine Zusammenstellung Dutzender Verse (Redewendungen, Kurzlieder) als IHUN-AN EDO VB´OBO. Insgesamt 26 semi-historische Erzählungen mit moralischer Ermahnung, die in kürzerer Form zuweilen schon Eingang in die ASHOB gefunden hatten (z. B. die hungrigen Boten aus IDANRE, über Odundun, DEJI von AKURE, zu den Erd-Wällen sowie ISE von UTEKON), legte er dann 1951 als "Some Stories of Ancient Benin" vor. Das Skript dieser Arbeit wurde von Raymond Tong überarbeitet und ist mit zwei Abbildungen illustriert.

Eine auf einem Vorlesungsmanuskript gründende Zusammenstellung zur historischen Entwicklung von BENIN-City, u. a. zu deren Namen (IGODOMIGODO, UBINI, EDO, BENIN), dortiger hierarchischer Ordnung, den Palastbauten und Strassen, erschien 1952 als "The City of Benin". Auf eine in Edo verfasste Hilfe zum Verständnis der Sprache, OZEDU - Interpreter (Teil I / II; 1953), folgte 1954 als "The Origin of Benin" eine, von einem früheren Aufsatz über die legendäre Emotan ausgehende Zusammenstellung in insgesamt 21 kurzen Kapiteln zu weiteren herausragenden Ereignissen und Personen in der Geschichte (u. a. zu Edo und Iden, zu den Märkten und Erdwällen), ergänzt durch Anschauungen zu Problemen und Perspektiven zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft (etwa dem gegenwärtigen Wald- und Landbau). Neuerlich veröffentlichte Egharevba 1956 dann zwölf zuvor in der Zeitung Benin Voice (diverse Ausgaben, 1948/49) gedruckte Beiträge unter dem Titel "Z´EVBO OMWAN TAWIRI. Who does not speak his Native Language is lost", welche den Leser ermahnen, die traditionelle Lebensweise und Sprache in die Gegenwart als Teil der eigenen Herkunft und Kultur zu übernehmen. Andere der dort aufgenommenen Texte nehmen Stellung zur zeitgenössischen Politik und " Werten für die Zukunft " (z. B. zum Erhalt des Museums in BENIN-City). Als "Benin Titles" (bzw. "Bini Titles"; vgl. dort Titelseite und Vorwort) erschien im gleichen Jahr eine Darstellung zu den Ursprüngen der EDO, deren Geschichte (in der Zeit der OGISO- und OBA-Herrschaft) und politischen Ordnung, mit einem systematisierten Überblick zur Bedeutung von Titeln, deren Vergabe, sowie Aufgaben und Funktionen der Titelträger, zur Bedeutung der Gilden, über die traditionelle Kleidung und das Heiraten. Als "A Brief History of the life of the Hon. Gaius I. Obaseki. C. B. E." würdigte Egharevba sodann 1957 die seines Erachtens große Bedeutung des IYASE Obaseki. In den 1960er Jahren folgten neben besagter ASHOB in der zumeist zitierten, überarbeiteten vierten Auflage von 1968, noch neun weitere Schriften. Zur Bedeutung der Ehe von Töchtern des OBA als probate Methode zur Sicherung traditioneller Werte, Machtverhältnisse und der Bindung verschiedener Familien in BENIN verbreitete sich Egharevba 1962 unter dem Titel "Marriage of the Princesses of Benin", entwickelte darin, ausgehend von der 1959 stattgefundenen Heirat Prinzessin Adesuwa´s mit Emmanuel Emovon, einen Kodex zur Ehe in traditioneller Erinnerung und verweist auf mehr als 30 Prinzessinnen aus der Zeit der OGISO bis in die jüngste Vergangenheit. Wiederum in EDO erschien 1963 eine Kompilation traditioneller Redewendungen, Sprichworte und Weisheiten des Alltags als ERE EDO VB´ODO. Frühere Beiträge aufgreifend legte er 1965 dann insgesamt drei Schriften vor, darunter "The Ominigbon Vb´obo", eine ausführlich erweiterte Darstellung zur Bedeutung heiliger Orakelsprüche sowie religiöser Werte, im Besonderen der christlichen Überzeugungen des Verfassers.

Als "Chronicle of Events in Benin" stellte er zudem traditionell erinnerte Ereignisse, Kenntnissen aus Schriftquellen und der archäologischen, ethnologischen und historiographischen Forschung (mit Verweisen auf Goodwin und Connah) vor, entwickelte als "Some Prominent Bini People" eine Übersicht zu mehr als 100 herausragenden (bisweilen legendären) Personen aus der Geschichte BENIN´s (darunter Emotan, Adesua, Amadasu), die verschiedentlich schon in früheren Beiträgen, nun jedoch ausführlicher dargestellt wurden (nach einem Skript, das in Teilen bereits um 1939 vorgelegen haben soll). Wiederum den Ursprüngen, d. h. der Herkunft der EDO und benachbarter Sozialgemeinschaften, basierend auf einer Theorie von Wanderungen in mehreren Wellen folgend, sowie Formen traditioneller Herrschaft, Kriegsführung, der Handwerke usw. widmete sich Egharevba´s 1966 erschienener Titel "Fusion of Tribes". Eine Familienchronik des Verfassers folgte 1967 als "Egharevba Family", ein in 67 Kapiteln untergliederter Rückblick auf das eigene Leben, herausragende Ereignisse von der Kindheit bis ins hohe Alter, der auch die eigene Teilhabe an der Geschichte und der Geschichtsschreibung BENIN´s reflektiert, schloss sich 1968 als "A Brief Autobiography" an. Vorgeblich auf einem Skript von 1954 gründete dann die 1969 veröffentlichte Beschreibung von mehr als 80 Kunstwerken mit allgemeinen Bemerkungen zur Bedeutung der Handwerksgilden und zur historischen Entwicklung BENIN´s, vorgelegt als "Descriptive Catalogue of [the] Benin Museum". Es folgte schließlich 1970 "A Brief Life History of Evian", eine Darstellung über das (semi-legendäre) Leben von Evian, der nach Darstellung des Verfassers vor 1170 in einer Zeit des Übergangs von der OGISO- zur OBA-Herrschaft das Land geführt habe. Außerdem erschien 1972 ITAN EDAGBON MWEN, die ursprüngliche Version der 1968 bereits in Übersetzung herausgegebenen Kurzbiographie des Verfassers, dann 1974 "The Okhuaihe of Ikhuen", eine knappe Darstellung des legendären, vergöttlichten Okhuaihe, welcher im 15. Jahrhundert gelebt und Einfluss auf die Ankunft der ersten Europäer genommen habe, schließlich 1976 "The Ake of Isi", eine Darstellung des ebenfalls vergöttlichten Ake mit Bemerkungen zur Religion und der Beziehung BENIN´s zu den YORUBA.


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BEDEUTUNG UND AUSLEGUNG - INTERPRETATIONEN

Nach zuvor knapp skizzierten Überlegungen zu ersten Fragen, wer Egharevba war und welchen Themen er sich in seinen Schriften zuwandte, sollen folgend wiede bloß kurz einige Anmerkungen zu zwei Selbstzeugnissen des Verfassers einige Hinweise zu meinem Verständnis für eine mögliche Auslegung dieses Quellen-Corpus geben. Eine kritische wissenschaftliche Auseinandersetzung um die von Egharevba in bestimmter Weise organisierte Geschichte BENIN´s, führten zuletzt Usuanlele und Falola, sowie für den deutsch-sprachigen Raum bedeutend seit dessen Dissertationsschrift (1993) vor allem Stefan Eisenhofer.

Letztgenannter erörterte wiederholt scharf, dass und wie wissenschaftliche Darstellungen zur EDO-Kultur in unzumutbarer Weise "based almost exclusively on the data of the Bini local historian Jacob Egharevba" (EISENHOFER 1995 : 141), dieser so allein stabilisierendes "Rückgrat für die Historiographie Benins" (EISENHOFER 1998 : 105) wurde. Im Besonderen sei durch die gesamte Literatur festzustellen, wie zentrale Probleme dessen Bedeutung und Auslegung simplifiziert oder verdrängt wurden. Egharevba müsse vor allem im "historical context of the time" seines Arbeitens verstanden, seine über-große Autorität eingedämmt werden (EBD. : 142f.). "Trügerisch" für Interpreten wie etwa Wolf (EISENHOFER 1996 : 152), die an uralte, wörtliche, direkte Vermittlung von Geschehenem geglaubt hätten, sei die ASHOB als "´Hofberichterstattung´" zu entlarven (EBD. : 158), die aus "Bestrebungen einer ´ureigenen´ Bini-Kultur" erwachsen und in vielerlei Details mit der "Absicht, Geschichte für die Gegenwart nutzbar zu machen", entwickelt wurde (EBD. : 161). Zusammengenommen zeige sich, wie Egharevba "andere Interessen verfolgte als eine akademische Geschichtsschreibung in westlichem Sinne" (EBD. : 165). Die sogenannte/n Königsliste/n in dessen Schriften zeigten ferner, wie er "forced his African oral material into a linear European time scheme" (EISENHOFER 1997 : 139), seine "such uncertain information" etwa zu Oba Ewuare (Ebd. : 144) fortschrieb und letztlich - wie "so manche vermeintlich mündliche Tradition" - darin Kenntnisse unterschiedlichster Herkunft (Schriftquellen, Wissenschaftstexte, ...) "geschickt vermischt" wurden (EISENHOFER 2000b : 80).
Trotz aller Anregung zum Zweifeln (passim) wird jedoch auch betont, dass Afrika "keineswegs nur eine erfundene Geschichte" habe (EBD. : 84) - diese werde aber eher verschleiert, denn erhellt durch Egharevba und Konsorten.

Solcher, vor allem von Eisenhofer zuweilen erweckte Eindruck, dass - verschärfend zusammengefasst - bis in die 1990er Jahre kaum kritische Gedanken zur Auslegung der von Egharevba aufgezeichneten Texte, deren Probleme als Kanon zur Geschichte der Edo oder der mythischen Fundierung mancher Aspekte vorgebracht worden sein, erschließt sich mir nicht in gleicher Weise.

Zwar haben sich nur wenige Interpreten, die einzelne Traditionen aus dem Gesamtwerk (zumeist nach der ASHOB) zitierten und zur Grundlage ihrer eigenen Überlegungen machten, ausführlich darüber expliziert. Doch findet sich in fast jeder Untersuchung sehr wohl der eine oder andere Hinweis auf Grenzen der Interpretierbarkeit der Traditionen als geschichtliche Zeugnisse. Und auch Egharevba selbst war sich dessen bewusst, zumal er erkannte, dass "countless of people from every part of the world often made quotations from by books, especially the Short History of Benin and my articles became real matters of reference by many intellectual journalistic writers" (ABA 65. HniO).

So ist m. E. zunächst nicht gegen Egharevba selbst einzuwenden, dieser habe tatsächliche alte Überlieferung nach eigener Vorstellung aus überlieferten Traditionen mit wesentlich späteren Kenntnissen der Wissenschaft "geschickt vermischt" (vgl. neuerlich im Kontext bei EISENHOFER 2000b). Zum einen überzieht diese These, da dem Verfasser auf einer imaginären Anklagebank geradezu eine bewusste Verfälschung zur Last gelegt wird und dieser dafür abzuurteilen sei. Meine folgende Bearbeitung geht vielmehr davon aus, was Egharevba selbst hierzu als Motiv, Ziel und Aufgabe eigener Beiträge bereits formulierte. Denn er schrieb "to preserve from oblivion" (BLC Preface IV) und dies bedeutete, Geschichte im traditionalen Sinne, also " gute Geschichte/n ", zu überliefern (vgl. BLC 35.70-71). Damit nahm er zwar bewusst eine tendenziöse Haltung ein, war aber gewiss nicht an der Verwirrung besagter Intellektueller interessiert, die seine Beiträge rezipierten. Vielmehr sah er sich und seine Kultur konfrontiert und in die Auseinandersetzung gestellt, die mit den Ereignissen von 1897 zusammenhingen. So " musste " er etwa lesen, dass man in Europa gerade die Beute dessen, was man als "successful expedition sent to Benin to punish the natives of that city for a treacherous massacre of a peaceful English mission" verstand, intensiver zu betrachten und auszuwerten begann (vgl. READ; DALTON 1899 : Preface). Und weiterhin belehrte man ihn, dass "the history of Benin really begins for us with the advent of the Portuguese in the 15th Century" (EBD. : 1) bzw. kurz: "we enter the period of authentic history in the years 1470 and 1472" (EBD. : 3). Währenddessen sei alles andere verloren, habe es denn überhaupt eine - erinnernswerte eigene - Geschichte vor Ankunft der Europäer gegeben.

Und so sind m. E. die Ergebnisse kritischer Betrachtungen dann mehr ernst zu nehmen und äußerst wichtig, wenn damit verdeutlicht wird, dass die Geschichte der EDO im BENIN sich nicht vermittels einer irgendwie authentischen Reproduktion in Egharevba´s ASHOB und weiteren Schriften auffinden und als zu wissender Kanon erlernen lässt. Vielmehr sind diese konkret hinsichtlich der darin aufgenommenen Vorlagen, tradierten Kenntnisse und Vorstellungen und deren Auswahl und Anordnung nach den zugrundeliegenden Wertungen des Verfassers und seiner legitimierenden Auftraggeber am Hof zu unterscheiden. Dies zu leisten ist jedoch ein problematisches Unterfangen, da sich derlei Aspekte in unserer Zeit nur noch schwerlich dekompilieren lassen. In folgender Bearbeitung wird daher einerseits ein solcher Zugang versucht und auf den hypothetischen Charakter der analytisch-exegetisch gewonnenen Ausweisungen hingewiesen.

Wichtige, in ihrer Beurteilung Egharevba´s gemäßigtere, angemessen kritische Ausführungen legten, wie bereits erwähnt, Uyilawa Usuanlele und Toyin Falola vor. Arbeitsweise und Motive fassten sie dahingehend zusammen, dass er "regarded documentation and scholarship as marks of civilization which enhance the understanding of the past and make possible the growth of knowledge and wisdom." (USUANLELE; FALOLA 1994 : 305). Überdies habe Egharevba erkannt, dass "documentation would preserve the past, serve to immemortalize the names of heroes at a time whey they no longer could be ´deified and worshipped as gods´, provide reference on the observance of traditions" (EBD. : 305).

Aus - im wörtlichen Sinne - Patriotismus sah er zurecht seine Aufgabe darin, "moral lessons to youth" zu unterrichten ebenso wie an "the use ot the Edo-language" zu ermahnen (EBD. : 305). Usuanlele und Falola verwiesen auch auf die Vorlagen aus Schriftquellen, die Einfügung verschiedener Wissenschaftshypothesen und derlei mehr, sehen aber in diesen Einfügungen vor allem, dass er nur gerade kein "dogmatic writer" (Ebd. : 316) war, sondern sich auf verschiedene andere Positionen einließ. Aus einem gewissermaßen "´raw´ unassuming historian" wurde zunehmend ein "transformed author", der mehr und mehr sensibilisiert war für "national politics, influenced by what non-Edo and Europeans said, and the beneficiary of his reading of secondary materials" (USUANLELE; FALOLA 1998 : 386).

Vor diesem Hintergrund ist es sodann als ein weiterer Aspekt - ebenfalls in direkter Auseinandersetzung mit des Verfassers eigener Einschätzung - zu klären, wie er die Frage des Wahrheits- und Geltungsanspruchs seiner Traditionalen Historiographie auffasste. "From my boyhood I have made it my policy to be saying the truth, to be truthful and honest at all costs, at any time or anywhere. I have won a high degree of reputation for truthfulness and honesty", führte Egharevba in ABA 46.48 aus. Und diese Geltung erlangte er, wenn er EDO wie späteren, wissenschaftlich orientierten Interpreten als "reliable" galt (so bspw. BLACKMUN 1991b : 34 Fn. 4).

Ausführliche Analyse in
Benin. Künste und Traditionen : 174-295.


Jacob Uwadiae Egharevba - Memorial Lectures

EDEBIRI, UNIONMWAN : Benin and the outer world. [1st Lecture 1997; © ? / unbekannte URL / unknown Link = ?] LINK : alle Rechte liegen beim jeweiligen Verfasser; Thorsten Spahr / www.BeninKunst.de ist nicht für Inhalt und/oder Gestalt der als Link und im Cache genannten Internet-Seiten verantwortlich und macht sich die Inhalte der per Link und Cache vorgestellten Internet-Seiten nicht zu eigen.
OSAGIE, EGHOSA : Benin in contemporary Nigeria. An Agenda for the Twenty-First Century (2nd Lecture 1999; © Osagie / Dawodu // dawodu.net; externer Link) LINK : alle Rechte liegen beim jeweiligen Verfasser; Thorsten Spahr / www.BeninKunst.de ist nicht für Inhalt und/oder Gestalt der als Link und im Cache genannten Internet-Seiten verantwortlich und macht sich die Inhalte der per Link und Cache vorgestellten Internet-Seiten nicht zu eigen.
EWEKA, IRO : We are, because he was (3rd Lecture 2000; © Eweka / Dawodu // edo-nation.net; externer Link) LINK : alle Rechte liegen beim jeweiligen Verfasser; Thorsten Spahr / www.BeninKunst.de ist nicht für Inhalt und/oder Gestalt der als Link und im Cache genannten Internet-Seiten verantwortlich und macht sich die Inhalte der per Link und Cache vorgestellten Internet-Seiten nicht zu eigen.
EKEH, PETER PALMER : Ogiso Times and Eweka Times: A Preliminary History of the Edoi Complex of Cultures (4th Lecture, 2001; © Ekeh // waadoo.org; externer Link) LINK : alle Rechte liegen beim jeweiligen Verfasser; Thorsten Spahr / www.BeninKunst.de ist nicht für Inhalt und/oder Gestalt der als Link und im Cache genannten Internet-Seiten verantwortlich und macht sich die Inhalte der per Link und Cache vorgestellten Internet-Seiten nicht zu eigen.
OMOIGUI, NOWAMAGBE AUSTIN : Benin and the Midwest Referendum of 1963 (5th Lecture 2002; © Omoigui / Ekeh // waadoo.org; externer Link) LINK : alle Rechte liegen beim jeweiligen Verfasser; Thorsten Spahr / www.BeninKunst.de ist nicht für Inhalt und/oder Gestalt der als Link und im Cache genannten Internet-Seiten verantwortlich und macht sich die Inhalte der per Link und Cache vorgestellten Internet-Seiten nicht zu eigen.
OFEIMUN, ODIA : In Search of Ogun. Soyinka, Nietzche and the Edo Century (6th Lecture 2003; © Ofeimun // edo-nation.net; externer Link) LINK : alle Rechte liegen beim jeweiligen Verfasser; Thorsten Spahr / www.BeninKunst.de ist nicht für Inhalt und/oder Gestalt der als Link und im Cache genannten Internet-Seiten verantwortlich und macht sich die Inhalte der per Link und Cache vorgestellten Internet-Seiten nicht zu eigen.

© Thorsten Spahr // www.BeninKunst.de 2006- // Mit Auszügen aus Benin. Künste und Traditionen.