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Benin - Künste und Traditionen der oralen Edo-Kultur ... zur Einführung

Wenn wir uns mit Geschichte beschäftigen, so handeln wir über das Leben von Menschen aus " für uns " weiter wie dichter zurückliegender Zeit, aus ferner wie näher liegenden Räumen.

Deren unter diesen fundamentalen Bedingungen des Historischen entstandenen, jeweiligen Lebens-Zeugnisse zu befragen, zu ordnen, zu verstehen, uns selbst wie anderen zu erklären, ist die vornehmliche "Leistung", die wir in unserer Zeit und an unserem Ort zu erbringen suchen.

Ziel der vorliegenden Untersuchung ist es, in diesem Sinn die Künste und Traditionen der oralen EDO-Kultur im früheren Königreich BENIN (Süd-Nigeria) als geschichtliche Zeugnisse, historische Quellen, skizzenhaft zu analysieren.

In besonderer Weise haben mich für diese Aufgabe zwei visuelle Zeugnisse inspiriert. Sie sind mir immer wieder für mein eigenes Denken wichtig geworden. Sie wurden in gewisser Weise erkenntnisleitend. Bei beiden Quellen handelt es sich um Fotos aus der Zeit um 1900/20 - materiell gewordene Sichtweisen einer zur Zeit der Aufnahme-Leistung noch jungen Technik, nur kurze Zeit nach der durch britisches Militär beendeten, Jahrhunderte währenden autonomen Ent-wicklung des alten Reiches BENIN entstanden und zeitnah erstmals veröffentlicht.

Die ältere der beiden Aufnahmen reproduzierte Felix von Luschan nach einem vorgeblich von Alma Erdmann (Witwe eines bis 1904 im Lagos-Handel tätigen Hamburger Kaufmanns) überlassenem Negativ in seiner großen Untersuchung "Die Altertümer von Benin" (1919 : 26). Und bereits von Luschan bemerkte, es handle sich um "einen ganz besonders glücklichen Zufall", dass dieses Lichtbild wohl 1897 entstanden und - den Wirren nach Einnahme des BENIN zum Trotz und über Tausende Kilometer ins Kaiserreich verbracht - erhalten geblieben war.
Der Aufnehmende zeigt dem Betrachter seines Mediums einen ansonsten unbekannten, einheimischen Künstler bei der Anfertigung seiner Arbeit vor Ort. Ein Mann fortgeschrittenen Alters - der Oberkörper unbekleidet, um die Hüfte ein Stoff in Falten gelegt, die rechte Hand ausgestreckt und ein kurzes, schmales Werkzeug an ein vermeintlich fast vollendetes Reliefwerk führend, vom Betrachter leicht abgewandt - zeigt sich uns vor der Andeutung eines Gebäudes. Dessen von Aussparungen unterbrochene Mauer gibt den Blick auf die Äste eines Baumes und den weiten Himmel darüber nur spärlich frei. Er könnte sich also in einem Innenhof ohne Dach oder vor einer Galerie befinden. Denn Licht von oben scheint ausreichend gegeben zu sein.

Vorgestellt, als schaute man dem Unbekannten auf Höhe dessen Ellenbogens, aus nur geringfügig niedrigerer Position, ganz spontan zu und erlebte, wie dieser letzte Details seines Werkes, das uns augenscheinlich drei männliche Figuren erhaben vor einer Grundfläche und breit eingerahmt zu zeigen sucht, präzisierend oder korrigierend ausgestaltet, nimmt das Foto seinen Betrachter unmittelbar in den Schaffensprozess hinein - und wirkt dabei fast zu komponiert, als dass es nicht bewusst so gestellt worden sein dürfte. Unabhängig davon jedoch und auch trotz der im unteren Teil des Fotos abnehmenden Qualität - vielleicht wegen mangelnder Schärfe oder materieller Beschädigung - und daraus sich ergebender Unklarheiten für die Beantwortung weiterer Fragen an dieses Zeitzeugnis, kann man es als manifestes Momentum des Umbruchs, der Grenze von Epochen und des Reflex von über Jahrhunderte im Verborgenen entstandenen Fertigkeiten im Auge ganz neuer, zuvor wohl kaum intendierter Betrachter verstehen.

Das jüngere der eingangs von für mich als wichtig angekündigten Bilder findet sich in einer der frühesten Schriften, "Okha Edo" (1935), eines seitdem erheblichen Einfluss auf die Geschichtsschreibung BENIN´s nehmenden EDO-Chiefs.
Ein junger einheimischer Mann - dunkler Anzug, weißes Hemd und Krawatte, dunkle Schuhe mit leichtem Absatz, auf einem Hocker oder Stuhl vor einer aus großen Steinquadern errichteten Hauswand mit Fenster und einer von einer Tür verschlossenen kleinen Öffnung im unteren Bereich der Mauer sitzend, die Hände zueinander gegriffen und auf den Oberschenkeln abgelegt, die Beine nach vorne gestreckt und die Füße voreinander verschränkt - blickt den Betrachter direkt an, zeigt wohl bewusst keine missdeutbare Gefühlsregung. Dieses Foto, auf den Vakatseiten erwähntem schmalen Buch vorangestellt, zeigt uns der Bild-Legende zufolge "Mr. J.[acob] U.[wadiae] Egharevba" wohl in den späten 1920er Jahren - eine rundweg andere Szene, eine gänzlich andere Komposition, ein Bild wie aus einer scheinbar völlig anderen Zeit an einem Ort, auf dessen genaue Lage fast nichts hindeutet.

Zusammengenommen führen diese Fotos vor, wie radikal der Wandel im früheren BENIN stattgefunden hat. Es zeigt auf, wie sich dieser junge EDO selbst, bestimmt wie bestimmend, zeigen wollte und konnte. Nicht mehr das Visuelle der Bild-Kultur vermöge eines Fotos, sondern erst die anschließenden Worte vermittels der von außen eingeführten Schrift machen dieses Zeugnis präsent.

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© Thorsten Spahr // www.BeninKunst.de 2006-